An dem Morgen, an dem meine Fahrradkette abspringt, endet meine schöne Sparrechnung abrupt mit schwarzen Fingern und einer überraschend teuren Erkenntnis. Ich will herausfinden, ob Radfahren zur Arbeit wirklich günstiger ist – oder ob ich mir die Antwort bisher nur besonders überzeugend zurechtgelegt habe.
Die Ausgangslage scheint eindeutig: Mein Fahrrad steht ohnehin im Keller. Mein Arbeitsplatz ist weit genug entfernt, dass ich nicht laufen möchte, aber nah genug, dass eine Autofahrt leicht übertrieben wirkt. Mit Bus und Bahn brauche ich inklusive Warten ungefähr so lange wie mit dem Rad.
Also fahre ich los und genieße sofort dieses angenehme Gefühl finanzieller Überlegenheit. Keine Tankstelle, kein Ticket, kein Blick auf eine Park-App. Nur ich, mein Rad und der Kölner Wind, der selbstverständlich immer aus der falschen Richtung kommt.
In meinem Kopf kostet die Fahrt: nichts.
Das ist meine erste Fehlannahme.
Die Kosten, die ich zunächst nicht sehen will
Nach einigen Wochen meldet sich das Fahrrad mit einem verdächtigen Knacken. Erst ignoriere ich es. Dann wird aus dem Knacken ein Schleifen, und aus dem Schleifen wird ein Geräusch, das klingt, als würde irgendwo Besteck in einer Waschmaschine liegen.
Die Werkstatt findet mehrere Kleinigkeiten. Neue Bremsbeläge, eine Einstellung hier, ein verschlissenes Teil dort. Die Rechnung ist höher als erwartet, aber nicht absurd. Trotzdem irritiert sie mich, weil sie in meiner ursprünglichen Kalkulation schlicht nicht vorkommt.
Plötzlich fallen mir weitere Ausgaben ein:
- Regenhose und wasserdichte Jacke
- bessere Fahrradlichter
- ein stabileres Schloss
- gelegentliche Reparaturen
- Ersatz für verschlissene Reifen und Kette
- mehr Wäsche, besonders im Sommer
Nichts davon macht das Radfahren unbezahlbar. Aber „kostenlos“ ist offensichtlich die falsche Kategorie.
Ich mache den Total-Cost-Test
Statt nur einzelne Fahrten zu vergleichen, schaue ich mir einen längeren Zeitraum an. Ich öffne meine Ausgabenübersicht in Monee und suche nach allem, was mit meinem Arbeitsweg zusammenhängt: Werkstatt, Ausrüstung, Tickets für Regentage und gelegentliche Fahrten, bei denen ich aus Zeitgründen doch ein anderes Verkehrsmittel nehme.
Dieser Moment verändert die Rechnung. Nicht dramatisch, aber deutlich.
Das Fahrrad verursacht unregelmäßige Kosten. Wochenlang passiert gar nichts, dann kommen mehrere Ausgaben auf einmal. Bus und Bahn sind dagegen berechenbarer. Beim Auto wären viele Kosten noch weniger sichtbar: Versicherung, Wartung, Wertverlust, Parken und all die kleinen Beträge, die sich so höflich über das Jahr verteilen, dass sie kaum auffallen.
Ich rechne außerdem meine Zeit mit ein – allerdings nicht als festen Geldbetrag. Wenn ich auf dem Rad ähnlich schnell bin wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, verliere ich keine relevante Zeit. Gleichzeitig erledige ich einen Teil meiner Bewegung für den Tag. Das spart mir nicht automatisch eine andere Ausgabe, aber es gibt der Fahrt einen zusätzlichen Wert.
An Regentagen sieht die Sache anders aus. Dann stehe ich im Flur, schaue auf die nasse Straße und führe eine kurze Verhandlung mit mir selbst. Manchmal gewinnt die Regenhose. Manchmal gewinnt die Straßenbahn mit erstaunlich wenig Widerstand.
Was am Ende tatsächlich günstiger ist
Nach meinem Test bleibt das Fahrrad für meinen Arbeitsweg die günstigste Option – aber mit kleinerem Abstand, als ich erwartet hatte. Gegenüber regelmäßigen Tickets spare ich noch immer. Im Vergleich zum Auto ist der Unterschied wesentlich deutlicher, sobald ich nicht nur Kraftstoff, sondern die gesamten laufenden Kosten berücksichtige.
Die wichtigste Erkenntnis ist allerdings nicht, dass Fahrräder Geld sparen. Es ist, dass Verkehrsmittel ihre Kosten unterschiedlich verstecken.
Beim Ticket sehe ich den Preis sofort. Beim Fahrrad kommt er in Schüben. Beim Auto verteilt er sich auf so viele Stellen, dass eine einzelne Fahrt überraschend billig wirken kann.
Meine Rechnung funktioniert außerdem nur, weil die Strecke zu meinem Alltag passt. Ich kann sicher fahren, habe am Arbeitsplatz einen vernünftigen Stellplatz und muss selten schwere Dinge transportieren. Ohne diese Bedingungen könnte ein theoretisch günstiges Verkehrsmittel praktisch ziemlich teuer werden – in Zeit, Nerven oder zusätzlichen Alternativen.
Was ich anders machen würde
Ich würde von Anfang an ein kleines Wartungsbudget einplanen, statt jede Reparatur als finanziellen Hinterhalt zu behandeln. Außerdem würde ich weniger Ausrüstung vorsorglich kaufen. Manche Dinge brauche ich wirklich, andere sehen im Fahrradladen nur sehr überzeugend nach einer besseren Version meines Lebens aus.
Meine praktischen Erkenntnisse:
- Vergleiche nicht nur Ticket oder Kraftstoff, sondern alle laufenden Kosten.
- Rechne Reparaturen und Verschleiß auf mehrere Monate um.
- Berücksichtige Zeit, Flexibilität und mögliche Ersatzfahrten.
- Kaufe Ausrüstung erst, wenn ein echtes Problem auftaucht.
- Prüfe deine tatsächlichen Ausgaben statt deiner gefühlten Ersparnis.
Wenn du in einer ähnlichen Situation bist, gibt es deshalb nicht nur „Rad oder kein Rad“. Möglich sind tägliches Pendeln, einzelne Fahrradtage pro Woche oder eine Mischung mit Bus und Bahn. Entscheidend ist nicht die sportlichste Lösung, sondern die, deren Gesamtkosten zu deinem echten Alltag passen.

