Manchmal steht auf dem Vertrag ein Stundenlohn, aber dein Alltag erzählt eine andere Zahl. Nicht, weil du „falsch rechnest“, sondern weil Arbeit oft Zeit frisst, die nirgends auftaucht: Wege, Umziehen, Einarbeiten, Mails, Nachbereiten. Wenn du das sichtbar machst, wird Entscheidungen treffen leichter (und weniger emotional).
Was ist der „echte Stundenlohn“?
Der echte Stundenlohn ist: Geld, das dir wirklich bleibt – geteilt durch alle Stunden, die der Job dich wirklich kostet.
Das ist keine Moralnummer. Es ist nur ein Taschenrechner für Realität.
Zwei Bausteine:
- Netto-Geld, das bleibt (nach typischen jobbedingten Ausgaben).
- Echte Jobzeit (bezahlte Stunden plus „unsichtbare“ Zeit).
Warum das zählt (ohne Druck)
Zeitkosten sind nicht „Kleinkram“. Sie sind Alltag.
- Pendelzeit ist für viele ein echter Block im Tag. 2024 brauchten in Deutschland 69,8 % der Berufstätigen weniger als 30 Minuten (einfache Strecke), 22,7 % mehr als 30 Minuten und unter 1 Stunde, 5,7 % länger als 1 Stunde. (Quelle: Destatis – Zeitaufwand für den Weg zum Arbeitsplatz)
- Unbezahlte Arbeit ist ebenfalls Zeit, die du irgendwo hernehmen musst. Für 2022 berichtet Destatis: Frauen verbrachten im Schnitt knapp 30 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit, Männer knapp 21 Stunden; der Gender Care Gap lag bei 44,3 %. (Quelle: Destatis – Gender Care Gap 2022 (Pressemitteilung, 28.02.2024))
- Energie ist begrenzt. Wenn Zeit immer enger wird, leidet oft zuerst Bewegung. Die WHO berichtet, dass 2022 weltweit rund 31 % der Erwachsenen die empfohlenen Aktivitätslevels nicht erreichten (ca. 1,8 Milliarden Menschen). (Quelle: WHO – News release, 26.06.2024)
Ein Satz, der hängen bleibt, kommt aus der Destatis-Pressekonferenz zur Zeitverwendung:
„Die Lücke zwischen Frauen und Männern bei der unbezahlten Arbeit … [ist] nach wie vor beträchtlich.“
(Quelle: Destatis – PD24_073_63991)
Wie du ihn berechnest (Quick Calculator)
Du brauchst keine perfekte Buchhaltung. Schätzungen reichen, solange du ehrlich zu dir bist.
Schritt 1: Nimm eine klare Geldbasis.
Zum Beispiel: Netto pro Monat aus dem Job (oder Netto pro Woche, wie es dir leichter fällt).
Schritt 2: Zieh typische jobbedingte Ausgaben ab (wenn sie wirklich anfallen).
Beispiele: Fahrkarte/Sprit, Arbeitskleidung, Essen unterwegs, Pflichtmaterial (z. B. Tool-Abo), Gebühren.
Schritt 3: Sammle echte Jobzeit.
- Bezahlte Arbeitsstunden
- Pendeln (hin + zurück)
- Vor-/Nachbereitung (Umziehen, Packen, Kasse zählen, Übergabe, Schichtplan checken)
- Unbezahlte Extras (kurz länger bleiben, „nur noch schnell“)
Formel (simpel):
Echter Stundenlohn = (Netto – jobbedingte Ausgaben) ÷ (bezahlte Stunden + Extra-Zeit)
Beispiel (klein, ohne Drama)
Angenommen, du verdienst im Monat 520 € netto. Du gibst 40 € für Fahrtkosten aus.
Du arbeitest 32 bezahlte Stunden. Dazu kommen 8 Stunden Pendeln und 4 Stunden Vorbereitung/Extras.
- Geld, das bleibt: 520 € – 40 € = 480 €
- Echte Zeit: 32 + 8 + 4 = 44 Stunden
- Echter Stundenlohn: 480 € ÷ 44 ≈ 10,91 €/h
Das Ergebnis ist nicht „gut“ oder „schlecht“. Es ist nur eine Zahl, die dir hilft, Optionen zu vergleichen.
Try this in 10 minutes
Stoppuhr an, grob schätzen, fertig:
- Schreib dein Netto (Woche oder Monat) hin.
- Notier 2–3 typische jobbedingte Ausgaben.
- Addier Pendeln + Vor-/Nachbereitung + unbezahlte Minuten.
- Einmal durch die Formel teilen.
Wenn du dich verschätzt: egal. Beim nächsten Mal wird’s genauer.
3 Mini-Experimente (ohne Wochenplan)
- Der „Eine-Schicht-Scan“: Nur für die nächste Schicht: Start-Zeit (inkl. Fertigmachen) bis „Ich bin wieder wirklich zuhause“ notieren. Diese Zahl ist Gold.
- Das Pendel-Tausch-Spiel: Rechne einmal so, als würdest du 20 Minuten Pendeln sparen (anderer Standort, andere Verbindung, Fahrrad statt Umstieg). Was macht das mit €/h?
- Die 15-Minuten-Regel: Schreib alle „kleinen“ Nacharbeiten auf, die du sonst vergisst (WhatsApp vom Team, Plan checken, Sachen waschen). Addier sie am Monatsende. Oft sind das mehrere Stunden.
Copy-Paste Template: Echter-Stundenlohn-Rechner
ZEITRAUM (Woche/Monat):
Netto-Einnahmen aus Job: ______ €
Jobbedingte Ausgaben (nur wenn real):
- Fahrt: ______ €
- Essen/Trinken unterwegs: ______ €
- Kleidung/Material/Tools: ______ €
Summe Ausgaben: ______ €
Bezahlte Arbeitszeit: ______ h
Extra-Zeit:
- Pendeln (hin+zurück): ______ h
- Vor-/Nachbereitung: ______ h
- Unbezahlte Extras (länger bleiben, Orga): ______ h
Summe Extra-Zeit: ______ h
Geld, das bleibt = Netto – Ausgaben: ______ €
Echte Zeit = Bezahlte Zeit + Extra-Zeit: ______ h
Echter Stundenlohn = Geld, das bleibt ÷ Echte Zeit: ______ €/h
Notiz (wie fühlt es sich an?):
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Am Ende ist das kein Urteil über deinen Job. Es ist eine ruhige Art zu sehen: Wofür geht deine Zeit drauf – und was kommt dafür zurück?

